"Inclusion" oder das neue Wort für Integration

Inclusion heisst "Einschluss" und meint die gleichberechtigte Integration von allen Menschen in die Gesellschaft im weitesten Sinne. Dies betrifft in weiten Teilen der Welt weiterhin primär die Gleichberechtigung der Frau, genauso aber auch - und dies auch in gut entwickelten Ländern - die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung, von Homosexuellen und Menschen anderer Minderheiten.

Gerade die Integration von Menschen mit Behinderung ist mir aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte zu einem ganz zentralen Anliegen geworden. Vor allem, nachdem ich angefangen habe zu verstehen, dass meine eigene Behinderung nicht nur "Schicksalsschlag" sein konnte sondern mich auch zu einem ganz speziellen Botschafter gemacht hatte. Botschafter für Menschen mit Behinderung, die in weiten Teilen der globalen Gesellschaft bis heute wenig bis kein Gehör finden. Aus dem Grund habe ich mich anlässlich des Annual Summit der Young Global Leaders in Nuevo Vallarta, Mexico vom 14.-18. April 2012 mit Kollegen aus dem Forum zur Taskforce für "Global Inclusion" zusammengeschlossen.

Nachdem Tausende von Organisationen seit Jahren und Jahrzehnten hervorragende Arbeit leisteten zur Sensibilisierung der Gesellschaft für dieses Problem und bei allem Respekt faktisch trotz diesem grossen Aufwand nur ganz kleine spürbare Fortschritte erziehlt worden waren, habe ich mir überlegt, wie ich selber oder wir als Taskforce denn einen substanziellen Beitrag leisten könnten zu diesem Prozess, der offensichtlich nur so schwer vorangeht. Ich kam zum Schluss, dass diese bestens bekannten emotionalen Argumente (Sensibilisierungskampagnen, Filme, Direkthilfen etc.) zwar berühren, sogar betroffen machen, das Denken und Handeln der Menschen aber offensichtlich nicht nachhaltig in Richtung "Inclusion" verändert.

Meine generelle Annahme:
Der wichtigste Anreiz für (verändertes) Denken und Handeln des Menschen ist - so wenig wie wir uns das als Individuen wohl eingestehen wollen - Gewinnaussicht, wobei Gewinn "Geld", "Macht" oder "Image" sein kann.

Der nüchterne Schluss daraus:
Es muss ein entsprechender (finanzieller) Anreiz geschaffen werden. Aber wie? 
Deutschland hat's vorgemacht mit Steuererleichterung (Tax incentives)  für Firmen, welche behinderte Menschen anstellten. Und es hat nachweislich gewirkt. Die Massnahme ist in meinen Augen aber ebenso wie Quotenregelungen (wie in Frankreich) äusserst fragwürdig, weil sie die Firmen zur Anstellung von behinderten Menschen zwingt respektive hierfür finanziell entschädigt oder "kompensiert" und damit suggeriert respektive implizit aussagt, dass die Arbeit von Menschen mit einer Behinderung weniger wert sei. Auch wenn diese Botschaft von niemandem je so beabsichtigt war, so unterstreicht sie dennoch die tief verankerte (unbewusste) Wahrnehmung der Minderwertigkeit.

Wie also sonst? Was gibt es für andere Argumenten?
1.)
Studien haben bewiesen, dass die Gesamtleistung und Zufriedenheit ganzer Teams signifikant gesteigert werden kann durch Integration von einzelnen Menschen mit Behinderung ("Diversity"-Forschung) und sogar, dass Behinderte häufig besser arbeiten oder produktiver sind als Nichtbehinderte, und zwar nicht nur Blinde in Call-Centern oder Autisten in der Informatik. Wie ist das zu erklären? Dazu einige wenige rasch einleuchtende Argumente: - Behinderte haben eine viel höhere Loyalität zum Arbeitgeber (aus Dankbarkeit für das geschenkte Vertrauen?) und identifizieren sich entsprechend mehr. - Behinderte haben gelernt mit Schwierigkeiten umzugehen wie niemand sonst und lassen sich deswegen bei Problemen bei der Arbeit nicht so leicht aus der Ruhe bringen. - Behinderte sind gewohnt für alles einen Zusatzeffort zu erbringen, bei alltäglichen Dingen, aber auch nur schon um ernstgenommen zu werden. Dieser Zusatzeffort ist auch am Arbeitsplatz durch höhere Leistung spürbar. - Ausfälle im Rahmen einer Behinderung führen zu einer Verbesserung von anderen Sinnen und Fähigkeiten. Wenn diese gezielt eingesetzt werden können, werden ausserordentliche Leistungen erbracht. Dazu gehören die zwei oben genannten konkreten Beispiele.
 2.) Behinderte, welche nicht integriert sind, fallen dem Sozialstaat mindestens dreifach zur "Last":
- Durch Ausfall der Arbeitsleistung und folglich Ausfall von Steuern
- Durch Bezug von direkten Renten- und Sozialleistungen
- Durch Bindung von (menschlichen) Ressourcen im direkten Umfeld, beispielsweise in Familien

Warum also wird in Politik und Personalmanagement nicht umgedacht?
Gute Frage. Es fehlt die Evidenz, der saubere wissenschaftliche Nachweis der vermuteten globalen Tatsache, dass die Integration von Behinderten zu einer Erhöhung der Produktivität in ganzen Teams (Diversity) und Betrieben führt. Wenn die Vermutungen sauber bewiesen werden könnten, dürfte davor niemand mehr die Augen verschliessen können und wollen. 

Conclusion:
Wir müssen zur Beweisführung wissenschaftliche Arbeit leisten, ein entsprechendes Forschungszentrum aufbauen, bevorzugt an einer Wirtschaftshochschule und mit einem potenten Partner aus der Privatwirtschaft zur Finanzierung. Entsprechende und konkrete Pläne liegen seit 2010 auf meinem Schreibtisch. Mit der Taskforce im Rücken hoffe ich nun bald einen Schritt weiterzukommen...